Meinungen

zum Thema Europa

16 Jahre hatten wir dafür gebraucht, damit sich unser Wunsch, ein ähnliches Leben wie in Westeuropa führen zu können, erfüllen konnte. Und dieser Wunsch ist wahr geworden. Zwar sieht unsere Wirklichkeit noch bescheiden aus, aber ich kann stolz sagen, dass wir unseren Wohlstand in Polen mit „eigenen Händen“ erreicht haben. Die Krönung unserer Leistung war der EU-Beitritt. Wenn man sich die Frage stellt, was sich in Polen nach dem EU-Beitritt geändert hat, fällt die Antwort wirklich sehr schwer. Maßgebend sind eher diese 16 Jahre nach der Wende. Die zwei Jahre, die nach dem EU-Beitritt abgelaufen sind, haben aus meiner Perspektive nur wenig geändert. Wir können frei reisen, das ist Fakt, wir brauchen kein Visum mehr zu beantragen, der Pass oder der Personalausweis sind schon ausreichend. Die Studenten können ihren Studienort in Europa selbst wählen und das tun sie auch. Ich kann sagen, dass die jüngere Generation am meisten von dem EU-Beitritt profitiert. Sie ist auch selbstsicher und nicht mit unserer Vergangenheit belastet. Und in Polen selbst profitieren unsere Gemeinden. Ich habe von vielen Investitionen gehört, besonders was Umweltschutz, Straßenbau und Landwirtschaft anbelangt. Vielleicht mag es auch komisch klingen, aber unsere Kühe tragen jetzt EU-Ohrenmarken und die Eier sind immer mit dem Stempel versehen. Sonst ist das Leben in Polen viel teurer geworden. Das bezieht sich nicht nur auf die Lebensmittel, sondern auch auf die Lebensbedingungen (Strom, Gas u. a.). Auch die Wohnungen sind teurer geworden und diese Tendenz steigt. Unsere Löhne aber sind nicht höher geworden. Wenn ich deshalb sage, dass wir überall hinreisen können, entspricht das nicht ganz der Wirklichkeit, weil sich das viele Leute nicht leisten können. Und gerade jetzt, wenn wir uns an dieses „normale“ Leben langsam gewöhnt haben, sehe ich mit großem Bedenken und mit gemischten Gefühlen in die Zukunft. Nach dem Wechsel in unserer Regierung frage ich mich, ob alle Errungenschaften des freien Marktes nicht verloren gehen. Die Zukunft ist nicht mehr so sicher, weil die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen, die gerade jetzt getroffen werden, meines Erachtens nicht immer im Einklang mit dem europäischen Geiste stehen.

Eine anonym bleibende Stimme aus Polen


„Die Russen sind schon in der Speisekammer”, diesen Satz aus einem in 1965 gedrehten ungarischen Filmklassiker kennt in Ungarn fast jeder. In dem Film wirkt es komisch, für den Zuschauer ein bisschen auch heldenhaft, da man 1965 in Ungarn schon ziemlich tapfer sein musste, um einen solchen Satz aussprechen zu wagen. Und natürlich ist es nicht erst jetzt soweit, da es seit dem Februar 1989 keine sowjetischen Truppen mehr in Ungarn gibt, und schon gar nicht in der Speisekammer. Statt dessen haben wir jetzt einige Stücke Europa da drin, die man im Supermarkt anschaffen kann, unter anderem italienischen Wein, holländischen Käse, aber auch deutsches Bier. In der Speisekammer können wir also „Europa erleben“ und wenn wir wirklich auf Europa stehen, dann können wir das dann (das Erleben) auch an der Kasse tun, denn der Konsumentenpreisindex hat sich seit dem Systemwechsel radikal verändert: jede Ware kostet nämlich das zehnfache, wobei sich natürlich auch die Gehälter erhöhten, wenn auch nicht in dem erwünschten Maße. In Ungarn dauerte es 13 Jahre lang, bis es den Schock des Wechsels zur Marktwirtschaft überwinden konnte. Man hätte deshalb 2003, vor dem Beitritt Ungarns in die EU, daran denken können, dass die Ungarn euroskeptisch sein würden. Sie waren es nicht. Sie waren einfach nicht interessiert daran. 64% der Bürger stimmten bei der Volksabstimmung um den Beitritt gar nicht ab, die überwiegende Mehrheit von denen, die abstimmten, waren aber dafür. Wenn ich eine kurze Inventur machen wollte, würde ich sagen, dass es in meiner Stadt seit dem Beitritt vielleicht mehr Ausländer, meistens Deutsche, aber erstaunlicherweise auch etliche Holländer gibt, die ein Grundstück besitzen, ausserdem gibt es neue Schilder, das alte Schloss wird aus EU-Geldern restauriert, wir werden einen neuen Springbrunnen haben und der Durchschnittsbürger kann etwas weniger aus seinem Verdienst kaufen und schon gar nicht nach Europa fahren, um Brüssel nicht nur als ein Schimpfwort kennenzulernen. Ungarn liegt also seit zwei Jahren offiziell in Europa und wir nehmen das befriedigt zur Kenntnis, aber denken nicht zu viel nach, damit es nicht eventuell schlechter wird.

Dániel Csonka (Ungarn)


Als ich zum ersten Mal darüber nachgedacht habe, hatte ich das Gefühl, dass sich nach dem EU-Beitritt in Polen nichts geändert hatte. Warschau, wo ich wohne, ist nach wie vor die gleiche kosmopolitische Stadt, in der man sehr viele Ausländer treffen kann und wo der Lebensstandard sehr hoch ist. Hier kann man keine Änderungen mit bloßem Auge sehen. Im Gegensatz dazu hat in kleineren Städten und Dörfern eine industrielle Entwicklung begonnen. Für die „normalen Menschen“ liegt die Bedeutung der EU in der Öffnung der Grenzen und einiger Arbeitsmärkte. Immer mehr Polen arbeiten in Großbritannien und in Irland, was die Situation von vielen Familien in Polen verbessert. Der wichtigste Wechsel fand aber in der Mentalität der Menschen statt. Die Gedanken der Polen über sich selbst haben sich geändert. Die Polen sind selbstbewusster und offener geworden. Jeder kann sich seinen Lebensmittelpunkt innerhalb der EU auswählen. Dieses Recht gibt uns Freiheit. Wir können in Deutschland studieren und danach in Italien wohnen, oder umgekehrt. Wir brauchen nur einen Ausweis: eine Europareise ist wie ein Spaziergang.

Matylda Matecka (Polen)


Am 1. Mai 2004 wurde Ungarn Mitglied der Europäischen Union. Seit diesem Tag hat sich in unserem kleinen Land vieles verändert. Einerseits kann man die Vorteile des EU-Beitritts spüren, andererseits aber auch seine Nachteile. Für die Jugendlichen wurden die Tore Europas geöffnet: Man hat die Möglichkeit, im Ausland zu studieren bzw. zu arbeiten, ohne dazu ein Visum beantragen zu müssen. Man kann auch sehen, wie sich die Infrastruktur der Städte entwickelt. In meiner Stadt zum Beispiel wurden mehrere neue Straßen gebaut, und durch ein EU-Projekt wird auch der Kindergarten renoviert. Durch die strengeren Regeln ist die Qualität der Waren besser geworden. In die Landwirtschaft werden hohe Geldsummen investiert. Man lernt aber auch die Schattenseiten des EU-Beitritts kennen: die Preise sind höher geworden, aber die Löhne sind im Vergleich mit diesen Preisen immer noch niedrig. Daraus folgt, dass die Menschen vor der Einführung des Euros Angst haben - besonders im östlichen Teil des Landes, wo die meisten Menschen immer noch von der Landwirtschaft leben. Zwischen dem östlichen und dem westlichen Teil Ungarns gibt es einen großen Unterschied – entlang der Donau kann man eine Grenze ziehen. Die Brücken über die Donau bilden die Grenze zwischen dem Osten und dem Westen. Ich hoffe, dass – auch wenn ich selbst nicht mehr – meine Kinder und Enkelkinder erreichen, dass wir nicht „nach Europa laufen“, sondern wirklich zu Europa gehören.

Àgnes Nagy (Ungarn)


Was hat sich in meinem Land geändert, seitdem wir in die EU gekommen sind? Im Jahr 2004 ist Polen der Europäischen Union beigetreten, also sind erst wenige Jahre vorbei. Vor allem als Student kann man die Vorteile dieses Ereignisses bemerken. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um ein Studium in europäischen Ländern zu absolvieren, an den zahlreichen internationalen Veranstaltungen teilzunehmen oder auch ein Stipendium für verschiedene Kurse oder Praktika im Ausland zu bekommen. In meinem Land beobachte ich, dass dank dem EU-Beitritt sogar die polnischen Städte und auch die Kulturorganisationen durch Gelder der Europäischen Kommission mehr als früher machen können. Man sieht die Schilder, auf denen steht, dass bestimmte Straßen dank der Hilfe der EU modernisiert werden. Man hört auch oft davon, dass dank der EU die polnische Wirtschaft (auch die polnische Landwirtschaft) besser funktioniert. Doch man weiß auch: nichts geschieht sofort. Ich nehme in Polen z.B. immer noch große Korruption wahr und hoffe dabei, dass dank dem EU-Beitritt vieles besser wird. Vielleicht wird es mit der Zeit dem polnischen Volk so gut gehen, dass z. B. jede Familie sich einen Urlaub leisten kann. Im Moment beunruhigt mich die Tatsache, dass so viele kluge, gut ausgebildete, mit Fremdsprachenkenntnissen qualifizierte junge Menschen Polen verlassen, um Geld in England oder in Irland verdienen zu können. Sie sehen in der eigenen Heimat keinen Platz für sich, keine gute Arbeitsmöglichkeit sowie keine Zukunft. Also: nach dem EU-Beitritt geht es meinem Land vielleicht ein bisschen besser, aber nicht so gut, wie z.B. die junge Generation es erwarten würde. Trotzdem: die Idee der EU ist gut und der Begriff „Europäische Gemeinschaft“ klingt sehr schön, aber es ist bestimmt schwierig, in der EU auf solche Art und Weise zu regieren, damit es jedem Land gut geht.

Ewa Panczak (Polen)


Was hat sich geändert nach dem Eintritt Polens in die EU? Eigentlich alles und nichts - gleichzeitig. Es ist natürlich ein Paradox, aber es ist so. Nichts: weil wir - allen Skeptikern zum Trotz - noch in demselben Land leben. Wir haben unsere schöne Sprache nicht vergessen, unsere Traditionen nicht verloren, und die Deutschen haben noch nicht unsere Grundstücke herausgekauft. Nichts: weil Polen weiter im Herz Europas liegt, wo es schon früher lag. Aber es ist doch etwas anders. Es geht nicht nur um Formalitäten, die man nicht mehr erledigen muss, um die Grenze zu überqueren. Es geht auch nicht nur um neu gebaute Straßen und verschiedene Investitionen. Obwohl das alles wichtig ist. Für mich persönlich wichtig ist, dass sich in Europa langsam das Bild von einem Polen verändert. Er ist kein dummer Schwarzarbeiter mehr. Europa sieht endlich, dass wir viele guten Spezialisten aus verschiedenen Bereichen haben. Dank EU- Programmen, wie Erasmus oder Socrates, kann ich ernsthaft an Studien in Deutschland oder Spanien denken. Das ist jetzt einfach erreichbar - im Gegensatz zu früher. Und wahrscheinlich am wichtigsten: das Gefühl, dass wir alle wirklich eine „europäische Familie“ bilden. Ich treffe mich mit Jugendlichen aus Spanien, Deutschland, Griechenland oder England und ich fühle mich einfach gut. Ich gehöre zu ihnen. Polen steht nicht mehr „außerhalb“.

Joanna Reczek (Polen)